Was passiert im Körper bei schockierenden Erlebnissen?

Während ein Mensch ein Trauma (überwältigendes, als lebensbedrohlich empfundenes Ereignis) oder ein belastendes Lebensereignis erfährt, laufen im Körper eine Reihe von Reaktionen ab. Da wir während des Geschehens, der Bedrohung, keine Zeit zum Nachdenken haben, erfolgen unsere Reaktionen intuitiv. Die Hauptaufgabe unseres Gehirns besteht darin, zu überleben. Diese Reaktionen laufen im sogenannten „Reptilienhirn“ ab, dem primitivsten Teil des Gehirns, welcher auf ein 280 Millionen Jahre altes Erbe zurückgreift.

Bild eines Gehirns

Unser Gehirn ist in verschiedene Bereiche aufgeteilt. Das limbische System kann man nicht auf einen fest definierten und umgrenzten Gehirnbereich festlegen, da es sich hierbei um funktionale Zusammenhänge handelt. Im Folgenden handelt es sich daher um eine vereinfachte Darstellung. Im Neokortex (stammesgeschichtlich der jüngste Teil des Gehirns) werden Probleme gelöst, rationale Denkfähigkeiten entwickelt und Planungen vorangebracht.
Im Mittelhirn (Säugetierhirn, auch limbisches System genannt) laufen Gedächtnisfunktionen und Emotionen ab. Das Reptilienhirn (unteres oder primitives Gehirn) regelt die Überlebensfunktionen sowie unzählige lebensnotwendige Regulationsmechanismen (siehe Abbildung rechts). Jede dieser Regionen hat ihre eigene Sprache. Das denkende Gehirn spricht in Worten. Das emotionale Gehirn nutzt die Sprache der Gefühle (Wut, Trauer, Freude, Angst). Das „primitive“ Reptilienhirn spricht die Sprache der körperlichen Empfindungen. Diese beschreiben Wahrnehmungen in unserem Körperinneren, also wie sich unser Körper anfühlt (kribbelig, warm, kalt, entspannt, fließend, schneidend). Sie laufen instinktiv, ohne das Zutun des Verstandes ab.
Das Reptiliengehirn versteht einzig und allein diese Sprache. Somit sind Schockerlebnisse nur über den Körper lösbar. Selbst bei einem kleinen Schreck reagiert unser Körper mit einem Zusammenzucken. Die Muskeln verspannen sich blitzschnell und wir halten kurz die Luft an. Was passiert jedoch, wenn wir einem weitaus heftigeren Ereignis ausgesetzt sind?

Wird eine Situation als bedrohlich wahrgenommen, wird automatisch eine sehr hohe Menge an Adrenalin und anderen Botenstoffen ausgestoßen. Das Herz beginnt zu rasen und die Blutgerinnung nimmt zu. Wir zucken zusammen, der Schreck fährt uns in alle Glieder. Übermenschliche Kräfte werden mobilisiert, um entweder kämpfen oder flüchten zu können. Gleichzeitig wird das Blut aus den Verdauungsorganen und der Haut zurückgezogen. Die Atmung wird schneller und flacher. Der Speichelfluss geht zurück, die Pupillen weiten sich. Das Vermögen, sich sprachlich auszudrücken, nimmt immens ab. Man wird sprachlos, findet keine Worte. Die Muskeln und Muskelfasern werden sehr stark erregt. Nur so ist es möglich, zu fliehen oder sich und andere zu verteidigen.

Die Grundlage eines Schocks oder Traumas ist hauptsächlich physiologischer (also körperlicher) und weniger psychologischer Natur. Sieht die Situation so aus, dass weder Kampf noch Flucht das Überleben sicheren wird, wählen unsere Körpersysteme automatisch die dritte Option: die Erstarrung.

Dies kann beispielsweise dann eintreten, wenn ein Kind zu klein ist, um aus einer Situation wegzulaufen; wenn man bei einem Unfall im Auto „gefangen“ ist; wenn etwas zu schnell passiert, als dass man flüchten könnte, oder wenn man eine schockierende Nachricht erfährt. Durch das Erstarren entsteht im Menschen ein starkes Gefühl von Hilflosigkeit, da sich die Muskeln nicht bewegen lassen. Hinter dieser Hilflosigkeit steckt jedoch eine große Menge Lebensenergie, die vom Körper für Kampf oder Flucht bereitgestellt wurde und nicht in Bewegung umgesetzt werden konnte. Diese überschüssige Energie verbleibt im Körper und schafft das Potential für Traumafolge-Symptome.

Bild eines Gehirns

Im System, welches für die Gedächtnisfunktionen zuständig ist und etwas haubenförmig über dem Hirnstamm, in der Mitte des Zwischenhirns liegt, gibt es zwei miteinander verbundene Bereiche: den Hippocampus und die Amygdala (siehe Abbildung links). Die Aktivität des Hippocampus wird während eines Traumas unterdrückt, sodass das Geschehen zeitlich und räumlich nicht adäquat eingeordnet und verarbeitet werden kann. Die Amygdala hingegen ist stark aktiviert, um das Erlebte zu verarbeiten. Da die Amygdala das Erlebte jedoch zeitlich und räumlich nicht einordnen kann, werden diese traumatischen Erfahrungen auch nicht vollständig in die Lebensgeschichte des Betroffenen integriert. Solche Erinnerungen können durch Ähnlichkeitsreize ("Tigger") leicht reaktiviert werden und das Leben Betroffener stark beeinflussen. Dies verursacht großen Stress und kann zu dissoziativen Zuständen und Übererregung führen - bis hin zum inneren Wiedererleben des Traumas (Flashback).

Wenn Sie sich diese Abfolge im Körper vergegenwärtigen, wird deutlich, dass schockierende Erlebnisse nicht durch Gespräche aufgelöst werden können. Im Rahmen von Gesprächen kann das Erfahrene erklärt und eingeordnet werden. Da das Problem im Körper gespeichert ist, ist dieser auch Schlüssel zur Lösung und Heilung.

Hierbei kann es sehr hilfreich sein, sich kurz nach einem traumatischen Erlebnis schnell zu bewegen, sich zu schütteln und zu rennen. Dabei wird man die angestaute Energie wieder los. Tiere tun dies ganz selbstverständlich. Ein Tier beispielsweise wird nach einem Schreck schnell wieder in Bewegung kommen. Es wird am ganzen Körper zittern und beben, schnelle Augenbewegungen vollführen und keuchend atmen. Wir Menschen haben ebenfalls die Fähigkeit, diese Selbstregulierung zu vollziehen, doch unser komplexer gestaltetes Gehirn verhindert dies, da wir, vereinfacht ausgedrückt, zu viel denken und uns die starken Körperreaktionen oft auch Angst machen. Wir Menschen verhindern somit den natürlichen Ablauf und blockieren uns oft selbst.

Um auf die überschüssige Energie zurückzukommen:
Wird diese Energie nicht entladen, so speichern wir diese Erinnerungen im Körper. Sobald wir im späteren Leben in ähnliche Situationen geraten, können diese körperlichen Reaktionen wieder in Erscheinung treten. Echte körperliche Symptome können somit ausgelöst werden (Herzrasen, Schweißausbrüche, Schwindel, Angst). Diese emotionalen Verwicklungen mit „alten“ Themen behindern unser Leben im Hier und Jetzt und haben negative Einflüsse auf unsere Gefühle, Handlungen und Empfindungen.

Auch unsere Gedanken erzeugen im Körper Emotionen, so als hätten wir das Ereignis gerade mit all unseren Sinnen wahrgenommen. Es ist demnach fast egal, ob wir z. B. in einen tatsächlichen Unfall verwickelt sind oder uns intensiv an einen vergangenen Unfall zurückerinnern. Die Körperreaktionen sind die gleichen, auch wenn wir uns momentan in Sicherheit befinden. Da wir durch unsere Gedanken immer wieder an Vergangenes erinnert werden, wird der Rucksack an alten Emotionen, die im Körper festsitzen, im Laufe des Lebens immer schwerer. Versucht man lediglich über Gespräche diese Ereignisse zu begreifen und zu lösen, geht man immer wieder in diese Energie hinein und nährt die traumatischen Erinnerungen. Körperarbeit hingegen bewirkt eine Lösung des Gespeicherten aus der Körperebene, sodass man sich aus dem Trauma heraus bewegt.

Möchten Sie tiefer in dieses Thema einsteigen, kann ich folgene Bücher sehr empfehlen:

  • Peter A. Levine, Maggie Klein: "Verwundete Kinderseelen heilen"
  • Michaela Huber: "Trauma und die Folgen"
  • Bessel van der Kolk: "Verkörperter Schrecken

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, alte Verletzungen über Körperarbeit zu lösen. Die Klopfakupressur sowie die Trauma Buster Technique sind zwei der effektiven Möglichkeiten, den alten Ballast loszuwerden. Durch die Kombination von Meridian-/Körperarbeit und selbsthypnotischer Sätze, die das Unbewusste ansprechen, können alte Erinnerungen aus dem Körper gelöst und neutralisiert werden. Sie können befreit und leicht durch’s Leben gehen.